Ayreons Coverkünstler - Interview mit Jef Bertels

Veröffentlicht auf von Daniel

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»I let the paintings “make themselves"«
Jef Bertels

Ayreon und kein Ende. Vier Top-3-Platzierungen - davon ein Gesamtsieg: Bei meiner persönlichen Abrechnung des letzten Jahres konnte der neueste Output von Mastermind Arjen Lucassen einiges abräumen. Ayreon, das ist eine Institution des progressiven Rock, ein Fels in der Brandung der Konservenmusik. Nun steht das erste Best Of in den Regalen und auch hier gibt man sich keine Blöße. »Timeline« reißt die einzelnen Stücke nicht seelenlos aus ihrem Kontext, sondern fügt sie zu einem neuen, größeren hinzu. Das was entstand ist ein »Bohemian Rhapsody« über drei CDs (und eine DVD), ein buntes Feuerwerk der Kreativität.


                       
                        Originalentwurf zu »Timeline«


Und wieder einmal stammt das eindrucksvolle Cover-Artwork von Jef Bertels. Dieser veredelte unter anderem bereits »Into The Electric Castle« und zuletzt »01011001«. Der belgische Künstler zeigte sich schon immer sehr angetan von Fantasy- und Science-Fiction-Thematik. Bei seinen Werken handelt es sich aber keineswegs um kitschige Herr-der-Ringe-Rip-Offs, sondern viel mehr um düstere Visionen mit viel Charakter. Wollt ihr seine unverwechselbaren Bilder begutachten, in denen er immer wieder auf dem schmalen Grad zwischen kindhaft liebenswert und geheimnisvoll schaurig wandelt, dann besucht seine Künstler-Website www.jefbertels.be. Der dort angebotene Bildband eignet sich bestimmt hervorragend als Geschenk der besonderen Art!

»He's my Roger Dean, he's my Storm Thorgerson, my Hipgnosis!« Arjen Lucassen

Aber hier und heute stehen die Arbeiten im Vordergrund, die Jef Bertels für das Musikprojekt Ayreon entwarf. Und wer könnte über dieses Thema besser bescheidwissen, als der Künstler selbst? Es ist mir eine große Ehre, das erste Interview auf Fiddler's Blog mit Jef Bertels führen zu dürfen! 



Wenn Arjen dich fragt, ob du ein Artwork für seine Alben wie beispielsweise »The Human Equation«, »01011001« oder jetzt für das neue Best Of »Timeline« entwerfen kannst, wo holst du dir die Inspiration? Ist es mehr die Musik oder sind es die Songtexte?
Jef Bertels: Ich kenne die Texte im Vorfeld nicht, aber Arjen und ich reden über die zugrundeliegende Geschichte und die vorherrschende Atmosphäre. Dadurch entsteht ein Bild in meinem Kopf, von dem ich im späteren Prozess nicht mehr groß abweiche.

Der Stil deiner Arbeiten ist unverwechselbar. Entsteht dieser absichtlich um noch mehr Aufmerksamkeit auf deine Bilder zu lenken oder ist es einfach das, was passiert, wenn du deiner Kreativität freien Lauf lässt?
Jef Bertels: Letzteres trifft zu. Ich hätte niemals die Geduld, solche Bilder zu malen, wenn sie aus reiner Intention entstünden. Die beste Qualität erhalte ich, wenn ich bei jedem Quadratzentimeter auf der Leinwand Spaß habe. Ich lasse die Bilder "sich selbst malen". Das ist auch der Grund, weswegen kommerzielle Arbeiten, wie gerade diese CD-Covers, normalerweise einen größeren Aufwand mit sich bringen, um dasselbe spontane Ergebnis zu erhalten - aber Arjen mag meinen Stil so wie er ist, und somit gibt es hier nie Probleme.
Der größte Unterschied liegt darin, dass ich Arjen in diesem Fall schon zu einem frühen Zeitpunkt meine Grundidee vorführe, von der ich dann natürlich nicht mehr abweichen kann. Bei einem "normalen" Bild kann ich jederzeit die Atmosphäre und das Konzept über den Haufen werfen - was das Malen noch etwas mehr zum Abenteuer macht.

Wenn du jetzt zurückblickst auf deine Arbeit für Arjen Lucassen, welches Artwork ist dein persönlicher Favorit?
Jef Bertels: Ich würde sagen, das ist »The Human Equation«. Dieses Bild wäre wohl so nie entstanden, ohne in Arjens Musikprojekt involviert gewesen zu sein. Das macht es noch etwas interessanter. Meine anderen Ayreon-Werke halte ich einfach für gute Bilder, dafür passen diese besser in meine Ausstellungen. Der Vorteil von Auftragsarbeiten im Allgemeinen ist es, ganz frische Ideen zu bekommen.


                      Jef Bertels (g.r.) und Arjen Lucassen - Von der DVD zu The Human Equation

»Human Equation« wäre auch meine Wahl gewesen. Es ist großartig, wie hier das musikalische, textliche und optische Konzept ineinandergreift. Kannst du dir eigentlich vorstellen, je etwas anderes zu sein als ein Künstler?
Jef Bertels: Nicht in diesem Leben! Aber in einem anderen Leben wäre ich gerne Wissenschaftler, ein Astronom im Besonderen.

Arjen ist nicht wirklich faul, wenn es um seine Musik geht. Somit ist es nur eine Frage der Zeit bis zu seinem nächsten Album. Würdest du dich gerne wieder künstlerisch einbringen?
Jef Bertels: Sicherlich! Aber ich weiß auch, dass mein Stil nicht automatisch zu allem passen muss, was Arjen für die Zukunft plant.

Welche Musik hörst du persönlich und ziehst du Inspiration aus dieser?
Jef Bertels: Mein musikalischer Geschmack erstreckt sich vom Mittelalter, über Bach zu Klassik, Romantik (besonders Mahler), Benjamin Britten, Shostakovich, Blues, Folk, The Beatles, Pink Floyd, Ayreon und Kate Bush. Außerdem noch vieles anderes, und noch mal Kate Bush! Die Musik liefert mir wahrscheinlich sogar mehr Inspiration als die Bildende Kunst es tut!

Ich danke für die Zeit, die du dir genommen hast genauso wie für die vielen interessanten Einblicke und wünsche dir weiterhin viel Freude an deiner großartigen Arbeit!
Jef Bertels: Danke!

Das Interview führte Daniel Kurfess, Übersetzung aus dem Englischen von Daniel Kurfess


                           Arjen Lucassen - Von der DVD zu The Human Equation

»He sent me sketch and I was like - YES! - How could I have ever thought about working with someone else?« Arjen Lucassen


[Quellen & Bilder: Jefbertels.be,  Ayreon - The Human Equation DVD, Ayreon.com]

Veröffentlicht in art & design

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lila 02/05/2009 09:13

absolut toller Künstler! Gelungenes Interview!

Daniel 02/05/2009 18:13


Geb ich dir Recht & danke ;)


Paramantus 02/03/2009 03:33

Lustiger Zufall: Erst neulich wurde mir diese Band von einer Freundin empfohlen... :-) Ich finde zwar nur vereinzelte Songs gut, aber insgesamt durchaus eine tolle Band...

Daniel 02/05/2009 03:30



Manche Songs funktionieren ohne das Album drum herum nicht mehr richtig. Gegenbeispiele wären eventuell "The Truth Is In Here" oder "Loser" ;)



Angie 02/02/2009 19:27

WOW! *beeindruckt* Das Interview ist echt super!!
Herzlichen Glückwunsch!!

Angie

Daniel 02/02/2009 19:35


Vielen Dank, es hat auch wirklich großen Spaß gemacht! Ich bin absolut glücklich, mittlerweile viel gutes Feedback bekommen zu haben. Bin längst dabei, mir neue Interviewpartner zu
überlegen!


ike 02/02/2009 19:03

Da hast du dir ja 'ne Menge Arbeit gemacht. Gratuliere, dass Ergebnis kann sich wahrhaft sehen lassen. Tolle Bilder!

Das Timeline-Projekt (oder Ayreon oder wie auch immer) klingt auch interessant. Aber wie darf man sich das vorstellen? Wird die Geschichte gesungen und mit Musik unterlegt wie ein Musical oder liege ich da jetzt auf dem Holzweg?

Daniel 02/02/2009 19:32


Danke! Timeline ist ein Best Of aus allen bisherigen Ayreon-Alben (inkl. Abstecher in einige andere Projekte). In diesen Alben wird jeweils eine Geschichte erzählt. Bei Timeline wurden jeweils die
musikalisch und erzählerisch wichtigsten Songs gewählt, man reist als Hörer also im Zeitraffer durch die einzelnen Geschichten un bekommt auch musikalisch eine noch größere Vielfalt also
sowieso schon geboten. Egal ob man vorher schon Ayreon gehört hat oder nicht, Timeline ist wirklich spannend ausgefallen (ist zumindest meine ganz persönliche Meinung - etliche euphorische
Rezensionen bekräftigen mich aber).

Arjen Lucassen lädt sich zu jeder Albumproduktion die verschiedensten Künstler ein (bisher beispielsweise Jorn Lande, Bruce Dickinson von Maiden, Hansi Kürsch von Blind Guardian usw.), die
dann jeweils einen Charakter der Geschichte verköpern. Hört sich cool an und ist es auch ;)